«  1  »

 

Landtag, 13. Sitzung vom 26.06.2026, Wörtliches Protokoll  -  Seite 100 von 111

 

Multiprofessionalität ist natürlich wichtig. Wir freuen uns, wenn Teams mit unterschiedlichen Expertisen zusammengesetzt werden, aber da braucht jeder seine klare Rolle, nicht irgendeine Austauschbarkeit, wo jeder etwas anderes machen kann. Das wissen Sie eh auch selbst. Wer auf Fachkräftemangel nur mit abgesenkten Qualitätsstandards reagiert, der löst das Problem nicht, sondern verschärft es. Wir werden das in Zukunft einfach wieder sehen. (Beifall bei GRÜNEN und ÖVP sowie von Abg. Armin Blind.)

 

Schon jetzt ist es Praxis, dass immer wieder Personen in Ausbildung eingesetzt werden und diese nicht ausreichend auf die belastende Situation vorbereitet sind. Das sehen Sie auch. Es werden die Personen nämlich nicht erst am Ende ihrer Ausbildung eingesetzt, nein, ab dem zweiten Semester dürfen die dann arbeiten - in einem Krisenzentrum, in einer WG. Das führt zu einer Überforderung, da braucht man gar nicht lange schauen, ja, das kann man sich selber vorstellen. Am Schluss führt das dazu, dass die Leute das Studium abbrechen. Insgesamt haben Sie dann erst recht einen Personalverlust in der MA 11. Also warum dieses Gesetz auf dieser Ebene?

 

Was wir brauchen, wären bessere Arbeitsbedingungen, faire Bezahlung, verlässliche Ruhezeiten, höhere Personalschlüssel und eine Einzelsupervision, auf die auch jeder leicht zugreifen kann. Das braucht die Kinder- und Jugendhilfe und nicht die Absenkung der Standards. (Beifall bei den GRÜNEN.)

 

Dann haben wir noch die Krisenzentren und WGs, diese Vermischung. Es ist aus unserer Sicht ein schwerer Fehler, dass in der Novelle so eine Vermischung zwischen Krisenzentrum und sozialpädagogischer Wohngemeinschaft stattfindet, denn die haben unterschiedliche Aufgaben. Ein Krisenzentrum sollte für eine Kurzzeitbetreuung sein, wo eine akute Gefährdungsabklärung stattfindet. Wohngemeinschaften sollen eine langfristige Betreuung sein, wo die Menschen Beziehungen aufbauen, wo etwas wie eine familienähnliche Beziehung entsteht. Man kann doch nicht Gefährdungsabklärung in der Wohngemeinschaft machen! Das ist gegen die Aufgabe, das ist sinnlos. Wer Krisenzentren und Langzeitbetreuung in einen Topf wirft, normalisiert eine Überforderung in einem hochsensiblen Bereich. (Beifall bei den GRÜNEN und von Abg. Armin Blind.)

 

Krisenzentren brauchen einen klaren, spezialisierten Auftrag, ausreichend Personal und passende Strukturen. Und das löst die Novelle in keiner Weise.

 

Jetzt komme ich zu meinem vierten Punkt: Kinderschutzkonzepte ohne Ressourcen bleiben leider auch nur Symbolpolitik. Es ist richtig, endlich Kinderschutzkonzepte in der MA 11 einzufordern, wir haben das auch schon mit Anträgen gemacht. Ich freue mich, dass Sie das machen wollen, das ist auch super. Aber sie nur aufs Papier zu schreiben, ist leider nicht genug. Wirksam wird Kinderschutz erst - und darüber haben wir hier auch schon öfter gesprochen -, wenn es Schulungen gibt, wenn es Organisationsentwicklungen gibt, wenn die Leute wissen, wer dann zuständig ist, an wem man sich wenden kann - und das muss gemeinsam mit dem Team entwickelt werden. Was heißt das? - Es braucht Zeit, es braucht Expertise, und es braucht Geld. Dieses Geld ist nirgends vorgesehen, also zumindest habe ich es noch nicht gesehen. Insofern ist eine Stadt, die einerseits Kinderschutzkonzepte vorschreibt und andererseits bei Personal und Qualifikation spart, widersprüchlich, sehr widersprüchlich. (Beifall bei den GRÜNEN. - Abg. Mag. Lukas Burian: Personal sparen ist schwierig!)

 

Ein Kinderschutzkonzept ohne Finanzierung ist ein Feigenblatt. Wir GRÜNEN lehnen diese Novelle daher ab, weil sie aus unserer Sicht keine echte Reform ist. Sie stärkt nicht den Kinderschutz, sondern setzt auf Kontrolle, Unklarheit und Abstriche bei der Fachlichkeit. Was Wien braucht, ist eine Kinder- und Jugendhilfe, die schützt, die stärkt und professionell handelt - mit klaren Regeln, mit ausreichend Ressourcen und ausgebildeten Fachkräften für ihre Aufgaben.

 

Deshalb haben wir einen Antrag eingebracht. Ich hoffe - vielleicht entscheiden Sie sich ja doch -, dass Sie dem noch zustimmen. Ich fand es nicht sehr freundlich, wie Sie diesen dargestellt haben, deshalb sage ich hier jetzt noch die drei Punkte, die in diesem Antrag stehen. Erstens: entsprechende qualifizierte Fachkräfte für sozialpädagogische Aufgaben. Zweitens: klare Rollen in multiprofessionellen Teams. Drittens: bessere Arbeitsbedingungen und Einzelsupervision. Viertens: ausreichend Mittel für Kinderschutzkonzepte. Fünftens: transparente und klare Regeln bei der Datenabfrage. Und sechstens: eine eigenständige gesetzliche Verankerung der Krisenzentren.

 

Die Stadt braucht keine Überwachung für Familien. Sie braucht Kinder- und Familienhilfe, die verlässlich schützt, die Fachkräfte und ihre Professionalität ernst nimmt und Kindern und Jugendlichen langfristige Perspektiven für ein gutes Leben in dieser Stadt ermöglicht. Ich glaube, daran sollten wir gemeinsam arbeiten, ich bin dazu bereit. Wir bitten um Zustimmung zu diesem Antrag. - Herzlichen Dank. (Beifall bei den GRÜNEN.)

 

Präsident Ing. Christian Meidlinger: Als Nächster zu Wort gemeldet ist Herr Abg. Blind. - Bitte.

 

19.46.13

Abg. Armin Blind (FPÖ)|: Danke, Herr Präsident. - Frau Stadträtin, werte Kollegen!

 

Kollegin Berner, aber auch Kollegin Keri haben ja schon sehr viele Kritikpunkte, die wir im Ausschuss besprochen haben, vorgebracht. Ich werde mich daher zum Teil an Kollegen Burian wenden, der das als Teil der Regierungsfraktionen naturgemäß anders sieht. In der erläuternden Bemerkung zur Novelle, in der Vorlage zur Novelle kommt sehr oft von Ihrer Seite: Wir können das nicht nachvollziehen. - Etwas nicht nachvollziehen zu können, ist grundsätzlich keine Schande, man sollte aber dann versuchen, sich in die Argumentationslinie der anderen hineinzuversetzen und nachzufragen, um es nachvollziehen zu können. Also nur, wenn man etwas nicht nachvollziehen kann, den Schluss daraus zu ziehen, dass das, was man glaubt, gut ist, ist ein Fehlschluss, dem Sie offensichtlich aufsitzen, meine Damen und Herren. (Beifall bei der FPÖ.)

 

Kommen wir zunächst zum Punkt der Deprofessionalisierung. Es ist schon angesprochen worden, multipro

 

«  1  »

Verantwortlich für diese Seite:
Stadt Wien | Geschäftsstelle Landtag, Gemeinderat, Landesregierung und Stadtsenat (Magistratsdirektion)
Kontaktformular