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Landtag, 10. Sitzung vom 24.03.2026, Wörtliches Protokoll  -  Seite 44 von 64

 

richtige Ort, um herauszufinden, ob es einer Person vielleicht nach zwei Wochen besser gehen kann, denn dort ist ein Ort der Krise. Dennoch hält die Stadt an der Praxis der Krisenzentren fest. Es gibt weiterhin lange Aufenthalte, fehlende Beziehungsarbeit und keine individuelle Betreuung, weil Personal und Struktur der Krisenzentren nicht darauf ausgelegt sind. Das ist nicht eine vorübergehende Überlastung, sondern es ist eine politische Entscheidung, wie man die Krisenzentren aufstellt und dass man einen anderen Ort für Kinder findet, für die man schon aus der Betreuung der MA 11 nicht den richtigen Platz hat und die man woanders unterbringen muss. Man kann diese nicht einfach zurückschieben. Damit wird das Krisenzentrum zur Wartestation. (Beifall bei den GRÜNEN.)

 

Die dringend notwendigen Reformen und massiven Kapazitätserweiterungen werden immer weiter verschoben - und zwar auf dem Rücken der Kinder, deren Krise sich Monat für Monat vertieft. Für uns GRÜNE ist klar: Wenn die Volksanwaltschaft, die Kinder- und Jugendanwaltschaft und auch der Stadtrechnungshof seit Jahren denselben Missstand dokumentieren, dann ist die Stagnation bei der MA 11 nicht mehr entschuldbar. Anstatt die Empfehlungen der Kontrollorgane umzusetzen, verbleibt die MA 11 stets im gleichen Modus. Es wiederholen sich die einzelnen Schicksale in einer sich immer wiederholenden Dauerkrise der Strukturen. Jede weitere Verzögerung verstärkt diese Negativspirale. Wer heute keinen geeigneten Platz in einer Einrichtung der Stadt Wien findet, landet morgen mit hoher Wahrscheinlichkeit entweder erneut in der Psychiatrie oder in der Sucht oder gar im Strafsystem. Im schlimmsten Fall - auch über diese Fälle wird berichtet - gibt es Suizidversuche oder, noch schlimmer, einen Suizid, wobei es dann überhaupt kein Zurück mehr gibt. Auch das passiert bei 14-jährigen Kindern in Betreuung der MA 11. Das ist eine Katastrophe, und wir können da nicht weiter zuschauen. (Beifall bei den GRÜNEN)

 

Diese Spirale ist nicht naturgegeben. Sie ist eine Folge von politischer Untätigkeit in diesem Bereich, und da kann jede verlorene Woche, jeder verlorene Monat die Chance auf eine positive Entwicklung unwiederbringlich zerstören. Die Kinder- und Jugendhilfe sollte eine Akuthilfe sein, nicht eine Wartelistenverwaltung. Zeitnahe Lösungen - so formuliert es die Volksanwaltschaft - sind kein Luxus, sondern diese sind eigentlich Kernaufgabe des Auftrages an die MA 11. Wenn die Stadt Wien diesen Auftrag nicht erfüllt, verletzt die Stadt Wien das Recht jedes Kindes, das aus dem familiären Umfeld gelöst wurde, nämlich das Recht auf besonderen Schutz und Beistand des Staates, so wie es auch die Volksanwaltschaft ausdrücklich festhält.

 

Daher fordern wir von Frau StRin Emmerling und Herrn StR Hacker - beide sind nicht da, aber Sie werden es ihnen hoffentlich weiterleiten - einen verbindlichen Ausbauplan für sozialpädagogische, sozialtherapeutische, sozialpsychiatrische Plätze mit klaren Jahreszielen, ausreichender finanzieller Unterstützung und personeller Ausstattung und öffentlicher Berichtspflicht, die es bis jetzt nicht in dieser Form gibt. Weiters fordern wir ein Ende - und das ist mir im Moment das Wichtigste - der Praxis, Kinder und Jugendliche, die nicht in ihre Familien zurückkommen können, über Monate in den Krisenzentren zu parken sowie die Entwicklung individueller Betreuungsmodelle dort, wo leider kein privater Träger einen Platz anbietet. Außerdem braucht es eine langfristig abgesicherte Offensive für jene Altersgruppen zwischen 10 und 14 Jahren, in der selbst- und fremdgefährdendes Verhalten besonders zunimmt - und zwar besonders in spezialisierten und kleinstrukturierten Settings mit intensiver Beziehungsarbeit und Eins-zu-eins-Betreuung. An dieser Stelle möchte ich auch Sie alle bitten, dass Sie sich insbesondere auch um die Mädchen kümmern, denn für gewaltauffällige Jungs gibt es einige Programme, aber gerade für Mädchen, die oft selbstzerstörend sind, die selbstverletzend agieren, aber nicht so auffällig nach außen auftreten, gibt es nahezu keine Angebote, und das System ist sehr oft überfordert. (Beifall bei den GRÜNEN)

 

Außerdem braucht es ein unabhängiges Monitoring der Aufenthaltsdauer, der Wartezeiten und der Kinderschutzrisken in den Einrichtungen der MA 11, gemeinsam mit der Volksanwaltschaft, der Kinder- und Jugendanwaltschaft und der Zivilgesellschaft. Es ist großartig, wenn Sie diese Berichte machen, diese kommen aber oft im Nachhinein, und es wäre günstig, wenn das Monitoring zeitnäher wäre. - Ich danke also für Ihre Berichte, wir hätten aber gerne auch hie und da im Ausschuss Berichte, wie es ausschaut und wie man weitermachen kann.

 

Sehr geehrte Damen und Herren, wir reden hier über Kinder, die heute Abend wieder in einem Krisenzentrum schlafen, in dem sie längst nicht mehr sein sollten. Für sie ist jedes weitere Jahr der Stagnation im Ressort der Stadträtin ein verlorenes Jahr in ihrer Kindheit und Jugend. Das wissen Sie. Die Versäumnisse lassen sich nicht mehr nachholen.

 

Ja, eine Stadt muss kritikfähig sein. Da gebe ich Ihnen recht, Herr Ackerl. Eine Stadt muss aber nicht nur die Kritik hören, sondern sie muss auch notwendige Maßnahmen setzen - und zwar muss sie diese zeitnah und auch nachhaltig setzen. Es reicht nicht, sozusagen da ein Pflaster drauf zu picken und dort ein anderes, denn das ploppt dann in der Folge wieder auf.

 

Wenn Wien eine Stadt sein will, die ihre Kinder ernst nimmt, dann muss sie bitte jetzt endlich handeln - und zwar entschlossen, rasch und mit einem klaren Ziel, damit kein Kind mehr 14 oder 15 Monate im Krisenzentrum feststeckt, weil das System nicht darauf vorbereitet ist. Wir brauchen eine strukturelle Neuaufstellung mit ausreichendem Support für alle engagierten SozialpädagogInnen und SozialarbeiterInnen, die jetzt täglich versuchen, mit Pflastern die klaffende Wunde zu versorgen. Vielen Dank an all die Menschen, die trotz aller Widrigkeiten den Mut nicht verlieren und weiter engagiert in der Kinder- und Jugendhilfe arbeiten, weil sie wissen, dass das für die Kinder in dieser Stadt wichtig ist. - Herzlichen Dank. (Beifall bei den GRÜNEN sowie Teilen der ÖVP.)

 

Präsident Ing. Christian Meidlinger: Als Nächster hat sich Abg. Harald Stark gemeldet. - Bitte sehr.

 

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