Landtag, 10. Sitzung vom 24.03.2026, Wörtliches Protokoll - Seite 43 von 64
MA 11 und insbesondere die Krisenzentren sind nach wie vor in der Krise. Das hat sich leider 2025 auch nicht geändert. Die Missstände sind kein vorübergehendes Zwischentief. Sie verweisen auf ein systemisches Versagen in der Struktur der Wiener Kinder- und Jugendhilfe - und zwar leider in der Verantwortung der StRin Emmerling.
In diesem Zusammenhang braucht es endlich mutige Schritte zu einer wirklich kompletten strukturellen Neuaufstellung. Wir müssen die Prozesse überdenken. Wir müssen überdenken, wie mit Kinder in dieser Stadt umgegangen wird, und wir müssen auch überdenken, wie die engagierten MitarbeiterInnen und Mitarbeiter, die Sozialpädagogen und die Sozialtherapeuten, unter diesen Umständen überhaupt noch arbeiten können.
Seit Jahren steigen die Zahlen der Minderjährigen in Voller Erziehung, und das ist auch kein Wunder. Die Stadt wächst, der Ausbau der Plätze stagniert jedoch. Auch das hat Frau Keri schon gesagt. Es fehlen 611 Betreuungsplätze. Das ist viel mehr als eine Schulklasse, das ist eine ganze Schule in Wien, und für diese Kinder in Not gibt es keine Betreuungsplätze. Daher sage ich an dieser Stelle: Das ist Zeichen eines strukturellen Missstandes, den die Volksanwaltschaft, die Kinder- und Jugendanwaltschaft und der Stadtrechnungshof seit Jahren kritisieren. Und die Antwort der Stadt erfolgt erschreckend zögerlich. Statt ehrlicher Reflexion, wo man die Strukturen verbessern könnte, und der Erarbeitung einer tatsächlichen Strategie für die Neuerstellung - es ist mir schon klar, dass man nicht alles in einem Jahr ändern kann -, bleiben leider sowohl die Stadträtin als auch die MA 11 meist im Verteidigungsmodus, reagieren langsam oder schweigen ganz über die Probleme.
Wenn dann aber dramatische Zwischenfälle in den Medien auftauchen, dann muss man plötzlich handeln. Wir haben schon einiges davon gehört. Für eine offene Analyse und Reflektion, welche die nächsten Schritte sind, oder auch für eine Evaluierung der bisherigen Veränderungen - ob diese funktioniert haben oder nicht, wie zum Beispiel diese neue Regioneneinteilung - bleibt jedoch keine Zeit. Zumindest erfolgen diese Reflexionen nie öffentlich. Es gibt wenig konkrete Zahlen und wenig Analysen, inwiefern und wo die Strukturen verbessert werden könnten.
Das beklagt auch die Volksanwaltschaft in ihrem Bericht. Auch sie konnte nicht auf alle Daten zugreifen. Ich halte es wirklich für extrem irritierend, wenn nicht einmal die Kontrollstelle nachschauen kann, weil man seitens der einzelnen Abteilungen der MA 11 sagt, dass das, was hier aufgezeichnet wird, unter Datenschutz steht, beziehungsweise wissen wir auch nicht, ob in Bezug auf die Krisenzentren überhaupt aufgezeichnet wird.
Alle werden sich erinnern: 2024 betrug die durchschnittliche Belegung der Krisenzentren 120 Prozent, das heißt, 13 oder 14 Kinder anstatt der geplanten acht Kinder drängten sich in den Räumlichkeiten. Das ist eine Zumutung - und zwar sowohl für das Betreuungspersonal als auch für die Kinder! Sie haben die inneren Bilder schon gesehen. Wenn Jugendliche, für die ein Verbleib von sechs Wochen im Krisenzentrum vorgesehen ist, dann ein Jahr und länger in den überfüllten Krisenzentren verwahrt werden, dann ist das keine Hilfe, sondern eine institutionelle Warteschleife in Eskalation. Ich würde sagen: Das ist eine Verwahrung von Kindern und Jugendlichen ohne Entwicklungsförderung und ohne individuelle Unterstützung.
Für Jugendliche ist ein Jahr eine Ewigkeit. Sie erinnern sich vielleicht selbst noch daran, wie das war, als Sie jung waren. Hier geht es um ein Jahr Pubertät, ein Jahr psychische Krisen, ein Jahr Schulabbruch, ein Jahr Drogenkonsum, Selbstverletzung und Abhängigkeiten. In einem Jahr könnten die Weichen gestellt werden, das wird aber leider verpasst, und diese Entwicklungsschritte können später im Leben kaum mehr korrigiert werden. Wer so mit der Lebenszeit von Kindern umgeht, der darf sich nicht auf fehlende Trägerplätze ausreden, sondern muss sich die Frage gefallen lassen: Warum ist der politische Wille so gering, die MA 11 strukturell zu stärken oder umzubauen?
Die Volksanwaltschaft beschreibt Fälle, die einem den Atem stocken lassen. Sie haben vorher schon ein bisschen etwas davon gehört. Da geht es zum Beispiel um ein zwölfjähriges Mädchen: hochvulnerabel, 14 Monate im Krisenzentrum, abhängig, Drogenkonsum, zusammen mit erwachsenen Männern, Gefahr sexualisierter Gewalt. Davor wollte man sie eigentlich schützen, deshalb ist sie ja überhaupt ins Krisenzentrum gekommen. Sie bekommt jedoch keine Betreuung, weil es keine Trägerorganisation gibt, wo sie betreut werden kann und wo man mit ihr arbeiten kann.
Ein anderes 14- oder 15-jähriges Mädchen war nach stationärer Psychiatrie wieder im Krisenzentrum. Zurück aus der Psychiatrie ins Krisenzentrum: Das ist für alle eine extreme Herausforderung. Das wissen Sie. Eine Sozialpädagogin allein vor Ort kann nicht 14 Kinder gleichzeitig betreuen, von denen zwei hochtraumatisiert sind und eine gerade aus der Psychiatrie zurückkommt. Das weiß jeder. Dazu muss man nicht Fachkraft sein. Und auch dieses Mädchen wird wieder abgängig, nimmt wieder Drogen, es besteht wieder Verdacht auf Prostitution, und erst nach 15 Monaten findet man endlich einen geeigneten Platz.
Diese Jugendlichen sind nicht schwierig, sondern sie sind vom System im Stich gelassen. Eine zentrale Aufgabe, Schutz und Stabilisierung, wurde über Monate und Jahre nicht erfüllt. Die jungen Frauen wurden in ihrem Elend belassen. Die Sorgfaltspflicht der Obsorge habenden Stadt Wien beziehungsweise der MA 11 wurde hier massiv vernachlässigt.
Die Volksanwaltschaft sagt klar: Die Krisenzentren sind kein geeigneter Ort, um Minderjährige zu stabilisieren - und erst recht nicht über viele Monate. - Allein diese Ansage müsste die Leute sofort ins Handeln bringen. Das ist eine Kritik, die nicht nur die Volksanwaltschaft äußert, sondern auch die Kinder- und Jugendanwaltschaft. Hier in diesen Krisenzentren der Stadt kommt alles zusammen. Die Kinder aus den WGs werden zurückgeschoben, die Kinder aus der Psychiatrie werden zurückgeschoben. Die Probleme der Kinder sollen dort abgeklärt werden. Es ist dies aber ganz einfach nicht der
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