Landtag, 10. Sitzung vom 24.03.2026, Wörtliches Protokoll - Seite 32 von 64
auch seit der Pandemie keine Entspannung der Situation gibt. Der stationäre Bereich sei nach wie vor überlastet, so der Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie am AKH Wien. Das Kompetenzzentrum für Menschen mit Essstörungen verzeichnet Wartezeiten von bis zu drei Monaten, aber nicht für den Therapieplatz, nein, sondern für das erste Fachgespräch. Lassen Sie mich das nochmal wiederholen, weil man es fast nicht glauben kann: drei Monate Wartezeit auf ein Erstgespräch bei einer potenziell tödlichen Erkrankung. Die durchschnittliche Wartezeit auf ambulante Psychotherapie beträgt laut Statistik fünf Monate, auf stationäre drei bis sechs Monate.
Auch die Volksanwaltschaft hat gerade in diesem Bericht schwarz auf weiß dokumentiert, dass im Bereich der stationären Behandlung von Magersucht in Wien Versorgungslücken bestehen und rät dringend zum Ausbau der Behandlungsplätze für Kinder und Erwachsene, sodass die Wartezeiten endlich verkürzt werden. (Beifall bei der ÖVP.)
Doch von wie vielen Betroffenen, liebe Kolleginnen und Kollegen, sprechen wir überhaupt? - Aktuelle Zahlen, Daten zur Anzahl der Betroffenen, gibt es in Wien nicht, sie fehlen. Was wir wissen, ist, dass die Wartelisten auf Behandlungsplätze überquellen und Betroffene, außer in akuten Notlangen, sich selbst überlassen werden. Wir haben daher eine schriftliche Anfrage eingebracht, die für Aufklärung sorgen soll, damit klar ist, wie lange die Wartelisten genau sind und um wie viele Plätze aufgestockt werden muss, und damit die Aussicht auf Heilung nicht monatelang auf sich warten lässt.
Das Problem geht allerdings noch viel tiefer. Vor der Pandemie ging man von ungefähr 7 000 Fällen aus, rund 95 Prozent waren Mädchen. Das Erschreckende aber ist: Diese Zahlen bilden nur einen Bruchteil der Realität ab, denn bei drei Vierteln aller Betroffenen wird die Erkrankung nie festgestellt. Die Dunkelziffer ist also beängstigend hoch. Der Grund ist bezeichnend: Essstörungen sind unscheinbar, sie stören das Umfeld nicht, sie fallen kaum auf. Das System reagiert auf das, was Lärm macht, und diese Kinder machen keinen Lärm, und genau deshalb fallen sie manchmal durch alle Netze.
2022 haben wir als Wiener Volkspartei schon einen Beschlussantrag zum Thema Sicherstellung der Versorgungssicherheit in der Kinder- und Jugendpsychosomatik eingebracht. Schon damals haben wir die langen Wartezeiten unter anderem für Betroffene von Magersucht kritisiert. Der Beschlussantrag wurde von der Stadtregierung abgelehnt, Begründung gab es dafür keine. Hat man den Bedarf nicht gesehen? Hat die Dringlichkeit dieses Themas oder einfach der politische Wille gefehlt?
Heute bringen wir wieder einen Beschlussantrag ein, und hinter diesem Beschlussantrag steht noch mehr Dringlichkeit, noch mehr Bedarf, und vor allem stehen dahinter hunderte Betroffene - Familien, Kinder, Jugendliche, Töchter und Söhne -, die immer noch auf Wartelisten stehen und dies vermutlich noch sehr lange, wenn die Politik hier nicht endlich eingreift. (Beifall bei der ÖVP.)
Und daher sind unsere Forderungen sehr klar. Erstens: Mehr Behandlungsplätze und kürzere Wartezeiten - und zwar sofort! Es braucht mehr stationäre und teilstationäre Behandlungsplätze in der Kinder- und Jugendpsychosomatik und mehr Personal, um mit dem steigenden Bedarf Schritt zu halten.
Zweitens: Aufbau von Nachsorgestrukturen und betreutem Wohnen! Das ist ganz wichtig für jene, die nach der Akutbehandlung nicht ins Leere fallen dürfen.
Drittens: Sicherstellung eines niedrigschwelligen ambulanten Versorgungsangebotes ohne Wartezeiten von mehreren Monaten für Menschen, die Essstörungen haben! Das sind natürlich in erster Linie Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene.
Und viertens: Ein jährlicher Bericht an den Wiener Gemeinderat über die gesetzten Maßnahmen und die Entwicklung der Versorgungslage!
Der Herr Bürgermeister ist nicht mehr da, der Herr Landesrat Hacker auch nicht, aber ich bin überzeugt, sie werden sich der Sache annehmen, weil es hier um unsere Jugend, um unsere Kinder geht.
Die ExpertInnen warnen, die Volksanwaltschaft hat dokumentiert. Was fehlt, sind die unbequemen Zahlen und scheinbar - ich hoffe, nur scheinbar - der politische Wille, denn Versorgungslücken entstehen nicht über Nacht, sondern durch jahrelanges Wegschauen. Und ich erwarte keine Absichtsbekundungen, keine Verweise auf laufende Projekte. Ich erwarte Maßnahmen für jene, die heute auf einen Behandlungsplatz warten, derzeit wochenlang, manchmal monatelang, manchmal ihr Leben lang. (Beifall bei der ÖVP.)
Präsident Ing. Christian Meidlinger: Als Nächster zu Wort gemeldet ist der Herr Abg. Burian.
Abg. Mag. Lukas Burian (NEOS): Ich danke. - Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Mitglieder der Volksanwaltschaft! Vielen herzlichen Dank, dass Sie heute hier sind. Sehr geehrte Damen und Herren!
Der Bericht der Volksanwaltschaft ist kein politisches Instrument, aber er ist ein Arbeitsinstrument. Er zeigt uns sehr klar, wo unsere Systeme unter Druck stehen, wo Verfahren nicht sauber genug laufen und wo wir tatsächlich politisch nachschärfen müssen. Und genau das ist unser Zugang: Nicht relativieren, sondern verbessern! Ein zentraler Schwerpunkt des Berichtes liegt auf der Kinder- und Jugendhilfe. Die Volksanwaltschaft benennt die Probleme sehr klar: überlastete Krisenzentren, fehlende Anschlussplätze, steigende Komplexität der Fälle. Und wir haben darauf reagiert und arbeiten laufend an strukturellen Verbesserungen. (Beifall bei NEOS und SPÖ.)
Wir haben die ambulante Hilfe massiv ausgebaut. Das bedeutet konkret: zusätzliche Familienbetreuung im Ausmaß von 100-140 pro Jahr, Ausbau bestehender Angebote wie der mobilen Betreuung von SOS-Kinderdorf oder der Caritas Familienhilfe mit einem klaren Ziel: früher eingreifen, Familien stabilisieren und Fremdunterbringung vermeiden, wo es möglich ist.
Parallel dazu haben wir die Versorgung bei psychischen Problemen deutlich gestärkt. Das Budget für Psychotherapie wurde von rund 1,8 Millionen auf
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