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Gemeinderat, 50. Sitzung vom 22.02.2024, Wörtliches Protokoll  -  Seite 11 von 103

 

Meine Frage geht in die Richtung: Ist das jetzt ein Pilotprojekt, das man einmal ausprobiert, oder haben Sie vor, das dann schon laufend weiter zu machen? Ich halte das für eine Maßnahme, die auch für die Medizinstudenten positiv ist, denn da geht es um 41.000 EUR, die sie in dieser Zeit verdienen können. Außerdem lernen sie, und wenn sie dann 5 Jahre im WIGEV bleiben, ist es natürlich auch wieder für den WIGEV gut. Da hätte ich gerne gewusst, wie Ihre weitere Vorgehensweise ist.

 

Vorsitzender GR Mag. Thomas Reindl: Herr Stadtrat, bitte.

 

Amtsf. StR Peter Hacker: Wir wollen einfach damit Erfahrung gewinnen. Ich sage ganz offen und ehrlich, es kann funktionieren oder nicht funktionieren. Das weiß man im Vorhinein nicht, wenn man so ein Projekt startet. Es gibt ja auch eine Diskussion darüber, ob wir überhaupt Medizinstudenten verpflichten sollten, die nachher eine Zeit lang im öffentlichen Gesundheitssektor arbeiten müssen. Ich halte, ehrlich gesagt, nichts von so einer Zwangsgeschichte. Erstens einmal ist mir Zwang in solchen Fragen grundsätzlich unsympathisch, und ich glaube, dass wir auch nicht übersehen dürfen, dass viele Leute, die Medizin studieren, danach in anderen Bereichen auch eine sinnvolle Tätigkeit machen. Ich denke jetzt nur an die Pharmaindustrie, an die forschende Industrie. Da gibt es einen ganzen Haufen von Bereichen, die auch Medizinstudierende als Abgänger brauchen. Warum sollte ich jetzt sagen, genau die von diesem einen Fach des Studiums müssen dann im öffentlichen Gesundheitssystem arbeiten? Ich halte nichts davon.

 

Ich halte es für gescheiter, dass wir eine gemeinsame Position zur Frage beziehen, wie viele Studierende das Land braucht, und ich finde es einfach schmerzhaft, dass wir jedes Jahr 12.000 frustrierte potenzielle Kandidatinnen und Kandidaten für dieses Studium von der Uni wieder wegschicken. Das halte ich für schmerzhaft, dass es so viele tolle junge Menschen gibt, die sagen, ich habe Lust auf dieses Studium, und dann schicken wir über 90 Prozent derer, die sich dafür interessieren, einfach weg und sagen: Tut uns leid. Wir haben kein Platz für euch, ihr interessiert uns nicht. Das halte ich für das eigentliche Kernproblem.

 

So wie wir es auch in der Pflege und den medizinisch-technischen Bereichen machen, brauchen wir einfach mehr Ausbildung. Wir machen das in der Pflege, wie Sie wissen, und ich glaube, wir machen das auch erfolgreich. Wir beginnen es schon langsam zu spüren. Es ist noch kein Grund für Euphorie, es ist noch kein Grund für Jubelmeldungen, aber wir beginnen, es zu spüren, dass da jetzt die ersten Abgängerinnen und Abgänger aus dieser Ausbildungsschiene kommen. Wir haben diese Maßnahme, die Sie schon erwähnt haben, die funktioniert, dass wir einfach sagen: „Bring your friend.“, um es einmal salopp zu formulieren.

 

Und jetzt probieren wir das Nächste aus. Wir sind in Wien als einziges Bundesland in der besonderen Situation, dass wir viel, viel mehr Bewerber als alle anderen Bundesländer für Ausbildungsstellen haben. Ich habe gestern erst wieder mit einem Gesundheitslandesrat eines anderen Bundeslandes, das durchaus nicht weit weg von Wien ist, darüber diskutiert, der dringend Leute sucht und haben will, die die Ausbildung machen. In all seinen Spitälern in seinem Bundesland sind leere Ausbildungsstellen, und in Wien gehen wir sozusagen unter, weil offensichtlich alle, die in Österreich ein Studium abschließen, sich automatisch in Wien anmelden. Es ist dann auch ein Lob für die Qualität und den Ruf unserer Spitäler - das muss man ganz klar sehen -, aber es bringt uns auch in eine besondere Situation. Ich glaube, wir sind uns auch einig, dass Wien aus der Finanzierung durch den Wiener Steuerzahler nicht die Aufgabe übernimmt, die Ausbildung von allen Fachkräften zu machen - und das auch noch für den ambulanten Sektor dazu. Das kann es einfach nicht sein.

 

Wir suchen aber einfach in einigen Fächern - das haben wir schon oft berichtet - ja auch Leute, die in den Spezialfächern tätig sind, und da wollen wir mit diesem Anreizsystem versuchen, besonders Werbung zu machen, in diese Fächer zu gehen, wo es nicht so viele Kandidaten gibt. Ich werde gerne über die Erfahrungen berichten. Wir fangen jetzt einmal im Sommer an. Ich persönlich bin zuversichtlich, dass es funktionieren kann. Dann will ich das auch gerne langfristig implementiert wissen, aber ich glaube, wir sollten jetzt einmal bei dem Instrument in den nächsten zwei, drei Jahren gemeinsame Erfahrung gewinnen, und dann macht es Sinn, das auszuwerten: Ist es erfolgreich oder nicht?

 

Vorsitzender GR Mag. Thomas Reindl: Vielen Dank, Herr Stadtrat. Damit ist die 3. Anfrage beantwortet.

 

9.59.00

†VBgm Christoph Wiederkehr, MA - Frage|

Die 4. Anfrage (FSP-261763-2024-KNE/GM) wurde von Herrn GR Ornig gestellt und ist an den Herrn Amtsführenden Stadtrat der Geschäftsgruppe für Bildung, Jugend, Integration gerichtet. In dieser Anfrage geht es um die Errichtung der Fachstelle Demokratie in der Wiener Jugendarbeit. (Sie haben vor einigen Wochen eine neue Fachstelle Demokratie in der Wiener Jugendarbeit angekündigt. Warum braucht es so eine Fachstelle in Wien?)

 

VBgm Christoph Wiederkehr, MA: Vielen Dank für diese Frage zur Fachstelle Demokratie, die es in Wien dringend braucht, vor allem, weil es durch die Anhäufung von globalen Konflikten auch in Wien vermehrt zu Problemen mit extremistischen Ideologien kommt. Besonders unter Jugendlichen kann extremistisches Gedankengut leider gut Fuß fassen. Hier gibt es langjährige Erfahrungen und auch wissenschaftliche Untersuchungen, die vor allem zeigen, dass Jugendliche, die im formalen Bildungssystem schlechter verankert sind oder früh aus dem System aussteigen - das heißt, Schulabbrecherinnen und Schulabbrecher ohne Pflichtschulabschluss sind - weniger positive Einstellungen zur Demokratie haben und damit auch eine mögliche Gefahr für die demokratische Gesellschaft darstellen.

 

Es ist auf der einen Seite wichtig, an der Schule selber anzusetzen, im bestehenden System. Ich bin selber ein Anhänger des verpflichtenden Fachs Leben in einer Demokratie, in dem Grundwerte und ethische Grundprinzipien vermittelt und erarbeitet werden. Auch ohne dieses Fach ist es aber Aufgabe in den Schulen, eine demokratische Grundhaltung zu vermitteln. Darüber hinaus gibt es aber eine zweite wichtige Säule, und das ist die Freizeit

 

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